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Editorial «hoi du» April 2018

«Erst kommt das Fressen, dann die Moral», soll Berthold Brecht gesagt haben. Zustand und Zusammenhalt einer Gesellschaft/Gemeinschaft dürften ja vor allem in Zeiten der Knappheit, man könnte sagen im Stresstest, zutage treten.

Aber wir können froh sein, so ein gesellschaftlicher Stresstest scheint in weiter Ferne. In Liechtenstein müssen wir uns nicht über das Essentielle bzw. eben «das Fressen» unterhalten, sondern wir können uns erlauben, genüsslich über das kulturelle Zugemüse zu plänkeln.

Was hat in den letzten Monaten für die heftigsten gesellschaftlichen Wallungen gesorgt? Die Jubiläumsbrücke (die von den Gemeinden bachab geschickt wurde) und jüngst zum wiederholten Male das Landesmuseum.

Man kann vom Direktor des Landesmuseums Rainer Vollkommer halten, was man will (ich halte ihn immer noch für eine Fehlbesetzung, nicht aufgrund mangelnder Qualifikationen, sondern weil ich der Ansicht bin, dass eine Liechtensteinerin diesen Posten innehaben sollte); eines muss man dem Landesmuseumsdirektor aber zugute halten: Er hat viel Schwung und neues Leben ins Museum gebracht. Das ist sehr viel wert.

Ausserdem scheint Direktor Vollkommer einem kleinen Provokatiönchen, hie und da, nicht abgeneigt. So hat er sich erlaubt, im Rahmen der Sonderausstellung «Flowers and Beauties» am Tag der Frau einen Schönheitswettbewerb/eine Modeschau durchzuführen. Die Empörung war gross, die Veranstaltung provozierte etliche Leserbriefe. Zwei Vorwürfe dominierten: 1. So eine Veranstaltung ist frauenverachtend – und das am Tag der Frau. 2. Der Landesmuseumsdirektor kommt seinem primären Auftrag, unsere nationale Kultur zu pflegen, nicht nach.

Bei so manchen Protagonistinnen und -en der Freien Liste scheint die Empörung über die Veranstaltung dermassen gross gewesen zu sein, dass sie dem Museumsdirektor, als er die Begrüssung begann, selbstgebastelte schwarze Blumen entgegenwarfen und die Veranstaltung verliessen. Dass diese Aktion kein Entsetzen auslöste, ist eigentlich verwunderlich.

Und verstörend. Denn die heftigste Kritik kam aus der (vermeintlich) linksliberalen Ecke. «Political correctness» hat die einstige (linke) «Freizügigkeit», den Liberalismus durch Dogmatismus und Intoleranz ersetzt. Man ist nicht einmal mehr bereit, ein Gespräch zu führen, was eigentlich auch zu unserer Kultur gehört.

Pio Schurti

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