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Editorial

Auf die online-Frage des Liechtensteiner Vaterland «Wie hat Ihnen der Start zu den 300-Jahr-Feierlichkeiten gefallen?» klickten bis Montag dieser Woche (als diese Zeitung in Druck ging) 42.3% der Umfrageteilnehmer an, dass ihnen diese «gar nicht» gefallen hätten. 29.3% fanden, die Feierlichkeiten hätten sehr gut angefangen, und 28.4% gaben sich betont nüchtern mit der Aussage, die Feierlichkeiten seien OK. (Stand Montag, 4. Februar 2019).

Die wöchentliche online-Umfrage des «Vaterland» ist gewiss nicht repräsentativ, aber es fällt doch auf, dass eine deutliche Mehrheit der nationalen Geburtstagsfeier skeptisch bis ent-täuscht gegenübersteht.

Ent-täuscht: Die Täuschungen sind erkannt.

Schon Monate vor dem eigentlichen Jubiläumsjahr wurde versucht, den Liechtensteinern seltsame Symbole unterzujubeln. Eine Brücke über ein Tobel unterhalb von Planken sollte Zusammengehörigkeit und Einigkeit von Unter- und Oberland versinnbildlichen.

Das Brückenprojekt wurde oberflächlich aus Kosten- und Naturschutzgründen abgelehnt, der tiefere Grund war aber, dass die Versinnbildlichung keinen Sinn machte: An der Zusammengehörigkeit von Unter- und Oberland zweifelt schon lange niemand mehr.

Als Brückenschlag in die kommenden 300 Jahre und in die weite Welt hinaus wollten Liechtenstein Marketing und Skiverband mit vereinten Kräften den Liechtensteinern ein Langlaufrennen im Vaduzer Städtle zum Jahreswechsel 2019/2020 verkaufen. Der ökologisch (aber bei weitem nicht nur ökologisch) unsinnige internationale «Megaevent» wurde gar noch zu einem klimapolitischen Vorzeige-Anlass hochstilisiert.

Doch die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger liessen sich nicht täuschen und sagten «nein». Und was machen die Propagandisten solcher Projekte? Sie verstehen das «Nein» nicht als das, was es ist – ein «Nein» zu diesem oder jenem Projekt – , nein, sie interpretieren das «Nein» als Ausdruck der angeblich negativen liechtensteinischen Grundhaltung: Wir seien ein Volk von «Neinsagern».

Nein, sind wir nicht. Wir sind auch keine Hennen, nur weil wir merken, wenn ein Ei faul ist.

Das in letzter Zeit zugegebenermassen gehäuft geäusserte «Nein» ist wohl eher so zu verstehen: symbolisieren, versinnbildlichen, darstellen, – das ist nicht «sein».

Wer sind wir? Warum gefällt uns (wie die Vaterland-Umfrage nahelegt) die eigene Geburtstagsfete nicht? Vielleicht weil wir uns jünger fühlen als 300 Jahre. Das Liechtenstein, das wir heute kennen und lieben, ist nämlich nicht 300 Jahre alt, sondern etwa 100.

1719 «erhob» der damalige Fürst die beiden armen Landschaften Vaduz und Schellenberg zu einem Fürstentum: Liechtenstein. In der Landtagssitzung vom 7. November 1918 «enthoben» die Volksvertreter des immer noch armen Landes (in dem damals notabene Leute Hunger litten) den fürstlichen Landesverweser Leopold von Imhof seines Amtes bzw. erwirkten seinen Rücktritt und öffneten so den Weg zu Liechtensteins heutiger «Verfassung» einer modernen Gesellschaft. Imhof berichtete dem Fürsten nach Wien, die «Strömung der Jetztzeit» habe «gleich der Grippe» auch das Fürstentum erreicht. (Der Vergleich mit der Grippe ist echt bemerkenswert, nahm er doch Bezug auf die so genannte Spanische Grippe, die zwischen 1918 und 1920 grassierte und weltweit über 25 Millionen Todesopfer gefordert haben soll.)

Es stellt sich die Frage, ob die Liechtenstein-Vermarkter die «Strömung der Jetztzeit» oder eher die heutige «Grippewelle» spüren? Seit einiger Zeit ist ja Liechtenstein nicht mehr das Fürstentum, sondern die Crypto Nation {http://www.crypto-nation.co}. Einem Zeitgenossen namens Monty Metzger wird vom Regierungschef Adrian Hasler erlaubt (oder aufgetragen?), Liechtenstein als «Blockchain» Standort zu vermarkten.

Naja, wir mögen vielleicht nicht mehr wissen, wer wir sind, aber wenigstens stellen wir noch einen Standort dar.

 

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